Wie leicht man in falsche Erwartungen, Missbrauch und Abhängigkeit rutschen kann und warum das Verlassen der toxischen Quelle die einzige Möglichkeit zur Heilung ist. Es findet sich immer ein Weg und alles ist weniger schädigend, als Missbrauch zu dulden.


Aus „Ehe mit einem Narzissten“:

Liebe und Zärtlichkeit wird vorausgesetzt. Wohl gemerkt, sie ist aber nur gedanklich vorhanden, also eine Illusion. Mein Narzisst hat keine Zeit für Zärtlichkeiten. Im besten Fall lässt er sie über sich ergehen, wie ein Teddybär. Meistens werden aber solche Situationen gemieden.

In der Früh schläft mein Narzisst so lange er kann, ohne sich von dargebotenen Zärtlichkeiten animieren zu lassen. Vielleicht brummt er sogar ungehalten, wenn mein Streicheln und die sanften Versuche, ihn zu wecken, zu heftig ausfallen. Wenn für ihn die Zeit zum Aufstehen gekommen ist, springt er plötzlich aus dem Bett, geht ins Badezimmer, zieht sich an und verlässt das Schlafzimmer.

So war es immer, seit Beginn der Beziehung. In unserer ersten gemeinsam verbrachten Nacht verließ er mich im Morgengrauen, als ich noch schlief. Eineinhalb Jahre später, auf der Hochzeitsreise, hatte sich sein Verhalten nicht geändert und ich – schwanger und voller Hoffnung auf eine zärtliche, gemeinsame Zeit – musste mich enttäuscht damit abfinden, dass alles andere wichtiger und interessanter war, als unser Beisammen Sein.

Das änderte sich in unserer 30-jährigen Ehe niemals, auch wenn ich mir sehnlichst etwas anderes wünschte. Indem ich dieses Verhalten akzeptierte, öffnete ich dem Missbrauch Tür und Tor.


Zurück ins Heute

Es regnet und doch fühle ich mich wohl. Es ist heimelig in meiner kleinen, eigenen Wohnung im Haus meines Vaters. Niemand verbringt mit mir die Zeit, kein Mensch zeigt mir Wertschätzung oder Liebe. Und trotzdem fühlt es sich gut an, weil auch niemand hier ist. Ich bin allein, und das ist in Ordnung so. Ich fühle mich wohl und benötige im Moment nichts anderes. Durch das geschlossene Fenster höre ich den Kuckuck rufen.

Der Regen plätschert leise vor sich hin, das viele Grün vor meinem Fenster ist in seinem Wachsen nicht mehr zu stoppen. Leben überall. Auch ich selbst lebe. Ich fühle das Leben in mir und bin Leben. Ich bin auch Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen. Ich bin alles, was ich mir noch vor einigen Jahren von meinem Partner gewünscht hätte. Er gab es mir nicht. Keine Zärtlichkeit, keine Zuwendung, keine Wertschätzung, keine Liebe.

Sich selbst vergessen

Über die vielen Jahre in dieser Ehe verlor ich immer mehr an Lebensenergie. Traurigkeit machte sich breit, überdeckt von immer wieder neu auftretenden Problemen in der Familie, die von mir gelöst werden wollten. Ich vergaß mich selbst, nahm mich nicht mehr wahr. Von meinem Ehemann erwartete ich, dass er mich bemerkte und ich bemerkte mich doch selbst nicht mehr. Ich sah mich nicht mehr. Ich fühlte mich nicht mehr. Und ich hörte mir selbst nicht zu. Ich wusste auch nichts über emotionalen Missbrauch.

Mein Ehemann bemerkte mich nicht und ich selbst ging nicht anders mit mir um. Wer, in aller Welt, hätte mir Liebe und Anerkennung geben können? Meine Kinder waren noch viel zu klein. Sie benötigten meine Liebe noch viel mehr als ich selbst, denn sie sollten gesund heranwachsen. Heute wundere ich mich, dass ich diese Liebe geben konnte, obwohl ich selbst schon am Austrocknen war. Liebe lässt sich eben nicht in ein mathematisches Schema pressen. Sie kann aus dem Nichts plötzlich da sein.

Erwartungen können enttäuscht werden

Es war die nicht erfüllte Erwartung, die ich an meinen Ehemann stellte, die mich unglücklich machte. Hätte ich nicht so große Erwartungen gehabt, hätte ich einfach mein eigenes Ding durchgezogen und mir selbst all die Zärtlichkeiten und Liebe gegeben, die jeder Mensch benötigt. Wenn ich mich geliebt hätte, hätte ich mir wohl auch das geringschätzende Verhalten meines Mannes nicht länger gefallen lassen. So aber zog ich mich zurück und wurde immer einsamer.

Vom Kopf her war es für mich schwierig zu verstehen, was der Grund war, dass ich mich immer wertloser und unwichtiger fühlte. Ich erkannte, dass ich nicht zufrieden und glücklich war, konnte aber nicht benennen, warum. Ja, ich dachte, dass ich ungerechtfertigter Weise unzufrieden war und bemühte mich, meinen Super – Ehemann dazu zu bringen, seine Super – Eigenschaften auch zu zeigen.

Außer geringfügigen Teilerfolgen erreichte ich nichts. Mein Bewusstsein war nach Außen gerichtet, auf die Ehe, auf die Familie. Ich selbst hatte mich schon längst abgewertet und vergessen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass es auch ein anderes Leben geben könnte. Ein Leben, in dem ich selbst die Hauptrolle spielte und Regie führte. So ein Gedanke kam gar nicht auf oder wurde als „zu egoistisch“ sofort verworfen.

Missbrauch ertragen heißt dem Leben entsagen

Ich empfand es als meine Aufgabe, die bröckelnde Liebesbeziehung immer wieder zu stützen, zu kitten und zu verputzen. Die tiefe Traurigkeit in mir verdrängte ich. Ich weinte viel, aber mein Mann bemerkte es nicht, sogar wenn wir nebeneinander im Bett lagen. Ich war unsichtbar geworden. Wenn ich weinte, schlief er schon. Das Wichtigste war für mich, dass es der Familie gut ging. Ich verstand mich nicht, wenn ich verzweifelt war und wieder einmal alles an mir hing. Dann musste ich aktiv sein und konnte die aufsteigenden Gefühle nicht zulassen. Sie hätten mich gelähmt und vollkommen unnütz werden lassen.

Ich benötigte viele Jahre, um zu bemerken, dass meine Traurigkeit nur der Überbegriff für viele andere Gefühle war. Alle diese Gefühle waren dadurch entstanden, dass ich meinte, von einem anderen Menschen abhängig zu sein. Mein Mann war der einzige, der mir Liebe, Wertschätzung, Zärtlichkeit und Anerkennung hätte geben können, dachte ich. Er war es auch, der mich finanziell erhielt und es mir ermöglichte, dass ich mich um die wachsende Familie, Haus, Tiere und Garten kümmern konnte. Ohne ihn wäre gar nichts von dem möglich gewesen, was mir geboten wurde: Haushaltshilfe, Urlaube, Reisen.

Doch eines gab es niemals: Liebe, Wertschätzung, Zärtlichkeit, Anerkennung. Ohne wenigstens gesehen oder anderweitig wahrgenommen zu werden gehen wir Menschen ein – wenn wir all das von einem Menschen erwarten und doch nicht bekommen. Ich habe 30 Jahre lang immer noch auf ein Wunder gewartet und war traurig, dass es sich nicht erfüllte. Erst als ich lernte, mich so sehr zu lieben, dass ich bereit war, eine lieblose Umgebung und einen Menschen, der mich missachtete zu verlassen, wendete sich das Blatt.

Liebe leben

Nein, wir sind nicht auf Zärtlichkeit und Wertschätzung von außen angewiesen. Das ist die gute Nachricht! Wir werden vom Universum unendlich geliebt und können deshalb auch unendlich Liebe geben! Gelegenheiten dazu finden sich immer wieder – aber nur, wenn wir uns nicht davon abhalten lassen – durch zu viele Aufgaben oder den Glaubenssatz, dass man nichts zu geben hat.

Wenn wir darauf achten, mit wem wir uns tagtäglich umgeben, wachsen wir und werden stärker, fröhlicher und zuversichtlicher! Allein aufzuwachen und selbst den beginnenden Tag zu gestalten ist vollkommen in Ordnung. Mit einem Partner im Bett aufzuwachen, der entweder noch schläft oder schnell aus dem Bett springt, um keine Zuwendung geben zu müssen, ist toxisch. Ignoriert werden ist toxisch. Alles, was ein schlechtes Gefühl bereitet, ist toxisch. Wenn man dann diese Situation am liebsten verlassen würde, es aber nicht kann und der Partner das genau weiß, wird es zum Missbrauch.

Ich bin dafür verantwortlich, mich nicht mehr missbrauchen zu lassen. Das habe ich erkannt und – spät aber doch – das Ruder herumgerissen. Es gibt nur einen Weg heraus aus Abhängigkeit und Missbrauch: Gehen. Auch wenn es unmöglich erscheint, gibt es doch immer einen Weg. Erst wenn wir weg sind von der toxischen Umgebung, kann wirkliche Heilung stattfinden. Das Verlassen der schädigenden Quelle ist der erste Akt der Selbstliebe. Viele andere werden folgen und uns – auch und ganz besonders im Allein Sein – zu uns selbst und dem Leben zurück führen.

 

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