Meine Seele sorgt für das kleine Mädchen in mir, das sich vor dem Leben fürchtet. Ich, die Erwachsene, bin meine Seele. Mein Kind braucht mich, meine Hoffnung, Zuversicht und Liebe. Ganz vorsichtig taste ich mich an mein inneres Kind heran, damit es nicht erschrickt und sich aus Angst noch mehr zurückzieht…

Samstag, 23. Februar. Strahlender Sonnenschein. Ich sitze vor meinem großen Panoramafenster in der Küche. Im Garten herrscht Leben. Obwohl ich beobachtet habe, dass auch im tiefen Winter und bei Schnee die Natur nicht leblos war, so ist jetzt doch alles anders. Jeden Tag blühen mehr Blumen. Schneeglöckchen, Frühlingsknotenblumen, Krokusse und Primeln sind zahlreich über den ganzen Garten verstreut. Es scheint, als würde sich die ganze Welt darüber freuen.

Der Frühling ist erwacht

Bienen fliegen eifrig summend  von Blüte zu Blüte. Eine Hummel brummte auch kräftig, als ich sie gestern beobachtete. Sogar einige wenige Schmetterlinge bekam ich schon zu sehen. Wo kommen all diese Insekten auf einmal so schnell her? Es ist, als hätten diese Tiere geschlafen und wären jetzt aufgewacht. Die dunkle und kalte Zeit ist vorüber, der Frühling kann Einzug halten – oder hat es schon getan!

In mir fühle ich das Gefühl des Festhalten-Wollens. Wenn mir etwas gefällt, dann will ich nicht, dass es zu Ende geht. Ich sehe die Schneeglöckchen und denke im selben Augenblick schon daran, wie lange sie wohl blühen werden. Das finde ich schade. Aber ich erkenne wenigstens, dass ich so denke. Soll ich das auch einfach „annehmen“, oder soll ich mich bemühen, mich mehr und mehr am Augenblick zu erfreuen, ohne angstvoll nach der Zukunft zu schielen?

Mein inneres Kind hat Angst vor Verlust

Ja, ich will geduldig mit mir sein. Wie mit einem Kind, das misshandelt wurde und das viel Liebe, Nachsicht und Verständnis benötigt, bis es wirklich heilen kann. Denn letzten Endes ist es wirklich mein inneres Kind, das nicht loslassen kann, wenn es schöne Momente gibt. Das Angst hat, jede vergehende Blüte könnte die letzte sein, die es gesehen hat. Es ist mein inneres Kind, das Angst hat und deshalb oftmals unerwartet reagiert.

Nachsicht, Verständnis, Geduld und Liebe sind die Wundermittel, die mein Kind heilen können. Irgendwann wird wahrscheinlich Vertrauen entstehen. Vertrauen in mich als Seele, aber auch Vertrauen in die Welt und das Universum. Und wenn dieses Vertrauen in diesem Leben nicht mehr entstehen kann, weil die Verletzungen zu groß waren, dann gibt es immer noch ein nächstes Leben. Ich als Seele bleibe erhalten und werde mich weiterhin um meine Entwicklung kümmern.

Alles ist mit allem verbunden

In der Zwischenzeit bleibe ich aber bei mir und sorge für mein kleines Mädchen – ganz egal, welche komischen Eigenheiten ab und zu zum Vorschein kommen. Ich bin als unendliche Seele mit allen Seelen dieser Welt verbunden. Auch mit den Schneeglöckchen. Mit allem, was ist. Jedes Tier, das mich – als begrenzten Menschen in einer endlichen Welt – verlassen hat, bleibt weiterhin mit meiner Seele verbunden.

Ich weiß es und fühle es tief in mir. Dort fühle ich Verbundenheit und Liebe. Die Liebe ist unbegrenzt und verändert sich nicht durch die Erfahrung eines begrenzten Lebens auf der Erde. Hier ist alles so, wie es ist. Leben, Tod, Vergänglichkeit. Komisch, dass ich jetzt, im aufblühenden und vor Leben nur so strotzendem Frühjahr, darüber nachdenke.

Auf der Welt ist alles endlich

Im Herbst hatte ich diese Gedanken nicht. Da genoss ich, was es zu genießen gab und freute mich auf Weihnachten, Maroni und dunkle Winterabende. Jetzt im Frühjahr, wo das Leben ausgebreitet vor mir liegt, bekomme ich plötzlich Angst, dass es schon wieder zu Ende gehen könnte. Dabei schließe ich mein eigenes Leben von den Endlichkeitsgedanken nicht aus und denke daran, dass ich im Mai wieder ein Jahr älter sein werde. Mein inneres Kind versucht sich dagegen zu stemmen.

Aus Angst vor der Zukunft die Gegenwart nicht genießen können. Ja, darum geht es. Mein inneres Kind hat Angst davor, dass das Vergnügen, das es erlebt, wieder vorbei sein könnte. Es will das nicht. Es will alles. Immer. Schneeglöckchen und Eierschwammerln und Maroni und Sonnenschein und Vollmond. Dauernd, verlässlich und immer. Es will nichts hergeben, was schön und angenehm ist. Es hat Angst, loslassen zu müssen.

Mein inneres Kind hat Angst vor der Realität. Denn in diesem Leben müssen wir andauernd loslassen. Der eine kann das besser und der andere nicht so gut. Mein inneres Kind bockt dagegen, weil es Angst hat, dass danach nichts Angenehmes mehr kommen könnte. Meine Seele versucht es zu trösten und davon zu überzeugen, dass diese wahrgenommene Vergänglichkeit nur eine Illusion ist, die auf unserer Erde besteht.

Der Verstand mischt mit

Meine Seele kann mein inneres Kind verstehen. Sie fordert nichts von ihm und drängt ihm nichts auf. Meine Seele liebt einfach, so wie das ihre Natur ist. Mein Körper – und hier vor allem der Verstand – versucht sich auch einzuschalten. Das ist alles sehr kompliziert und verwirrend. Denn mein Verstand besitzt die Weisheit der Seele nicht. Er kann nur aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen. Und die Vergangenheit war nicht immer angenehm. Daraus entsteht Angst und mein inneres Kind ist hin – und hergerissen, ob nun das stimmt, was ihm sein Verstand „erklärt“, oder das, was die Seele vermittelt?

Diese Zerrissenheit fühle ich in mir. Mein materieller Körper und mein Verstand haben mich bis hierher gebracht, wo ich jetzt stehe. Das fühlt sich aber sehr wackelig und unsicher an. Denn Gesundheit kann verloren gehen und schlimme Dinge können passieren. Um mich herum bröckelt die intakte Natur. Wälder, Tiere und Pflanzen gehen für immer verloren. Mein Verstand ist der erste, der mir das berichtet. Menschen sterben, Tiere sterben, Dinge gehen kaputt. Alles ist vergänglich und das macht mir und meinem kleinen Mädchen Angst.

Das innere Kind fühlt sich ohnmächtig

Aus Angst hält es zurück, was es nur zurückhalten kann. Auch Geld. Mein inneres Mädchen ist sehr, sehr sparsam. Es glaubt, dass es allein für sich verantwortlich ist und ihm niemand beisteht in einer Welt, die dem Untergang geweiht ist. Die in naher Zukunft verblühenden Schneeglöckchen sind nur ein Beispiel davon. Mein Mädchen weiß ganz genau, dass es nicht alles schaffen kann, was andere und es selbst von ihm verlangen. Es ist ganz und gar unmöglich. Für ein kleines Kind ganz Besonders.

Das kleine Mädchen in mir glaubt, dass es allein auf sich gestellt ist. In einer feindlich gesinnten Welt, die es nicht unter Kontrolle haben kann und die immer wieder Unannehmlichkeiten für es bereithalten wird. Es sieht keinen Ausweg, keine Chance, sich irgendwann entspannt zurücklehnen zu können. Es glaubt, für alles, was passiert, verantwortlich zu sein. Mein inneres Mädchen ist traumatisiert und lebt im Dauerstress.

Meine Seele ist Liebe

Doch da gibt es eben auch meine Seele. Liebe ist ihr Kennzeichen, Verbundenheit mit allem und Vertrauen. Die Seele hat keine Angst, auch nicht im materiellen Leben auf unserer Erde. Nichts macht ihr Angst, weil sie weiß, dass die Endlichkeit nur eine Illusion ist. Meine Seele ist ruhig und friedvoll. Sie ist groß, sie ist alles. Meine Seele wohnt in meinem Körper und sie ist das, was ich wirklich bin: Liebe.

Wird es dieser Liebe gelingen, mein aufgeregtes und verstörtes kleines Mädchen zu beruhigen und in ihre sicheren Arme zu schließen, so dass ihm vor Augen geführt wird, dass ihm nichts mehr passieren kann? Diese Liebe bin ich selbst. Ich bin geduldig mit meinem inneren Kind.

„Ich sollte doch schon längst weiter sein“, ruft das Mädchen verzweifelt.

Meine Seele lächelt nur und ist da.

 

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