Mutter Erde ist die stoffliche Ausformung des Himmlischen Vaters. So könnte ich es jetzt einmal formulieren. Sie ist keine „andere“ Gottheit. Denn es gibt keine andere Gottheit, als alles, was existiert – sichtbar und unsichtbar, erreichbar und unerreichbar. Da ist der Wind, der alles verbindet und die ewige Bewegung in Erinnerung ruft. Der Wind mit seinen typischen Geräuschen, die so leicht zu imitieren sind.

Es gibt keine Grenze zwischen Mutter Erde und dem Himmel. Es gibt keine Grenze zwischen dir und mir. Es gibt keine Grenze zwischen Dingen, die ganz offensichtlich über eine Grenze verfügen. Diese Grenze ist nur eine Illusion, eine Darstellung, damit wir uns zurechtfinden. Das Leben auf der Erde kann Angst hervorrufen. Das hat sich in all den vergangenen Jahrtausenden nicht geändert.

Die Angst tief in uns

War es früher vielleicht die Angst vor dem Säbelzahntiger, so ist es heute die Angst vor Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Armut. Wir haben auch Angst davor, unsere Liebsten zu verlieren, denn sie sind scheinbar von uns getrennt und es besteht die Möglichkeit, dass sie vom Wind – der ewig bläst – vertragen werden.

Diese Angst in uns drinnen sitzt so tief, das wir uns ihrer manchmal gar nicht mehr gewahr werden. Ab und zu poppt sie durch irgendwelche Ereignisse einfach auf. Dann beten wir. Zum Himmel, zu Gott, zum Unsichtbaren, zum Unbegreiflichen. Es ist ein verzweifelter Versuch, irgendwo Sicherheit zu finden. Manche finden diese Sicherheit nach langem Suchen und viel Übung im „Nichts“. Sie erkennen, dass hinter alldem, das wir sehen, „Nichts“ steckt und dieses „Nichts“ steckt auch in allem, was wir wahrnehmen können. Und dass dieses große Nichts nichts anderes als die göttliche Liebe ist.

Erleuchtung führt aus der Angst heraus

Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir aber immer wieder leiden. Hinter jedem Leid steckt letzten Endes Angst. Es gibt kein Entkommen, außer dem, irgendwann aufzuwachen. Bis heute ist das aber dem größten Teil der Menschheit noch nicht gelungen. Im Gegenteil, die Sehnsucht nach einem himmlischen Vater, nach Gerechtigkeit und Frieden, hat selbst viel Ungerechtigkeit, Leid und Kriege erzeugt. Wenn man erkennt, dass man für den Frieden nicht kämpfen kann, wird man wieder an den Anfang zurückgeworfen. In die Angst und die Ohnmacht, dem Gefühl ausgeliefert zu sein an die Gewalten der Natur und der reißenden Bestien – von denen einer der Mensch selbst ist.

Der Weg in die Erleuchtung mag weit sein. Aber den Trost, die Geborgenheit und die Liebe finden wir auch hier, gleich hier, unter unseren Füssen. Es ist Mutter Erde, die uns tröstet, die uns ihr Lied singt, die uns wärmt und nährt. Wir wurden niemals allein auf eine feindliche Erde geworfen, auf der wir uns durchkämpfen müssen, verlassen von der großen Liebe des Universums. Jede Nacht können wir es sehen, wenn wir zu den Sternen blicken: Das Universum ist so groß und so weit weg. Wo immer die Liebe und Geborgenheit sitzt – wenn sie nur bei den Sternen ist, dann scheint sie für uns unerreichbar.

Das Universum in uns selbst

Vielleicht denken wir so nicht, aber unbewusst fühlt unser menschlicher Körper so. Er fühlt sich klein und weit entfernt von göttlicher Weisheit und Liebe. Da hilft es dann auch nichts, wenn jemand sagt: „Du hast das ganze Universum in dir drinnen“. Wir glauben es einfach nicht, es widerspricht jeder eigenen Erfahrung. Dieser Satz ist für den menschlichen Verstand unfassbar.

Hier springt „Mutter Erde“ ein. Sie tröstet, heilt und hilft. Dafür müssen wir nicht stunden – und tagelang meditieren. Sie ist für uns immer da. Für jeden, der es wagt, in die Natur hinaus zu gehen. Manchmal reicht schon ein Park, ja, ein Baum vor dem Fenster eines Krankenzimmers hat schon Wunder bewirkt! Wir können Kontakt aufnehmen mit Mutter Erde, ganz ohne etwas dafür leisten zu müssen.

Der Trost, die Entspannung und die Liebe, die wir durch Mutter Erde empfangen dürfen, sind umso größer, je weniger zerstört der Ort ist, den wir aufsuchen. Wälder, die noch an die ursprünglichen Urwälder erinnern, sind am Besten. Aber auch ein Spaziergang in einem angelegten Wald wird hundertprozentig deinen Stress und deine (auch unbewussten) Ängste reduzieren. Mutter Erde ist eine Quelle des Lebens, die jeder und jede zu jeder Zeit anzapfen kann.

Wir müssen nichts leisten

Für die Geschenke, die uns Mutter Erde macht, brauchen wir gar nichts zu tun. Wir müssen nicht einmal mit gelernter Achtsamkeit durch den Wald gehen oder barfuß laufen. Ja, sicher, beides erhöht den heilenden Effekt gewaltig. Aber letzten Endes kann sich der Liebe von Mutter Erde niemand entziehen, der von ihr umgeben ist. Mit der Zeit wird man wie von selbst achtsamer, geht langsamer und aufmerksamer. Die Tiere des Waldes oder ein Vogel im Baum tauchen plötzlich auf. Wer würde da nicht still werden und sich darüber freuen?

Es sind Mutter Erde und ihre Kinder, die dafür sorgen, dass wir uns wohlfühlen können, in einer Welt des Unrechts und der Angst. In einer Welt des Todes, der genauso allgegenwärtig ist, wie Himmel und Erde. Mutter Erde steht für den materiellen Teil unseres spirituellen Lebens. Das klingt ein wenig wie ein Widerspruch. Die Überbrückung dieses Widerspruchs zu erfahren ist das, was ein glückliches Leben ausmacht.

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